Leni Lust

Selbstbildnis

Sie wollen etwas über mich wissen? Mhm. Wenn Sie nur prüfen wollen, ob ich eh brav meine Zeit in der Schule abgesessen habe und auch diplomtechnisch ausgereift bin, wie es sich für einen tüchtigen deutschsprachigen Mitteleuropäer gehört, dann springen Sie doch bitte gleich zur Rubrik Eitelkeiten. Sie finden dort alles in Form von nichts. Wie es gerade Mode ist.

Aber auch den anderen kann ich nicht viel erzählen: Wissen Sie, ich habe ein ganz anderes Bild von mir, als Sie eine Leni vor sich haben, wenn Sie mich vor sich hätten. Das ist ein universelles Dilemma. Könnten die Menschen sich so wahrnehmen, wie sie wirklich sind, es gäbe mit Sicherheit keine Kriege mehr. Aber dann würden wir auch alle in Höhlen hausen, weil wir uns vor der Sonne genierten. Da kommen wir zum Kern: Wir sind nicht perfekt. Gell, ja, das tut weh. Aber wir können uns helfen, indem wir in aller Milde unser winziges Wesen in den Arm nehmen und lieb haben. Und sagen: „Scheiß drauf, du kannst immer noch Stripperin werden.“

In meinem Alter ist das purer Selbstbetrug!

Apropos Selbstbetrug: Ich glaubte immer, ich sei laut, stark, lautstark und überhaupt. Warum bin ich dann so schüchtern? Ja, ich rede viel und laut und bestimmt. Ich hüpfe leicht wie ein hinter den Ohren grüner Grashüpfer an einem trocken sonnigen Julitag quer durch das Themenbeet, verzückt von Gedanken, inspiriert von den tellergroßen Augen meines Gegenübers, wobei ich nicht weiß, ob er meiner klugen Ansichten wegen staunt, oder ob er nur verwirrt von dem rhythmischen Durcheinander meiner Gesichtsmuskeln Halt suchen muss.

Aber ein anderes kann ich auch recht gut: Zuhören.

Und das tu ich jetzt nämlich, weils fad ist, sich selber zu beschreiben. Jetzt höre ich den Vogerln beim Zwitschern zu.

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